Litera-Tour durch Herbergen und Schänken
Wilhelm Busch: Hühnerschmaus und Schokopudding
Das Sauerkraut der Witwe Bolte, Likör als Sorgenbrecher, das verhängnisvolle Getränk Hans Huckebeins oder der Hang junger Männer zum Küchenpersonal – die Werke von Wilhelm Busch (1832 – 1908) sind voller kulinarischer Fundstellen. Gehen wir also einmal mit dem Schöpfer von „Max und Moritz“ auf Litera-Tour.
Hauptgerichte á la Busch
Gleich dem ersten Streich der beiden bösen Buben teilt uns Wilhelm Busch einige Küchengeheimnisse mit. Die Hühnerhaltung der Witwe Bolte etwa wird so erklärt: „Mancher gibt sich viele Müh’/ mit dem lieben Federvieh: / Einesteils der Eier wegen, / welche diese Vögel legen, / zweitens, weil man dann und wann / einen Braten essen kann.“ Und zu diesem Braten gibt es dann Sauerkraut: „Eben geht mit einem Teller / Witwe Bolte in den Keller, / dass sie von dem Sauerkohle / eine Portion sich hole, / wofür sie besonders schwärmt, / wenn er wieder aufgewärmt.“
Aber auch andere Braten hat Wilhelm Busch offenbar geschätzt. So heißt es in der „Kritik des Herzens“: „Es wird mit Recht ein guter Braten / gerechnet zu den guten Taten!“
Bodenständig waren die kulinarischen Vorlieben des Dichters und Zeichners. Im Gedicht „Pfannkuchen und Salat“ bekennt er: „Von Fruchtomletts, da mag berichten / ein Dichter aus den höhern Schichten. / Wir aber, ohne Neid nach oben, / mit bürgerlicher Zunge loben / uns Pfannekuchen und Salat.“ Und es folgt das Rezept – natürlich in Reimform.
Süßes zum Nachtisch
In „Hans Huckebein“ geht es auch um einen Nachtisch: „Nichts Schönres gab's für Tante Lotte / als schwarze Heidelbeerkompotte!“ wird uns da verraten. Und einem Schokoladenpudding widmet Busch ein eigenes Gedicht: „Dämm'rung war es, als Adele / mit dem Freunde ihrer Seele, / der so gerne Pudding aß, / traulich bei der Tafel saß. / "Pudding", sprach er, "ist mein Bestes!" / Drum zum Schluss des kleinen Festes / steht der wohlgeformte große / Pudding mit der roten Soße / braun und lieblich duftend da, / was der Freund mit Wonne sah.“
Bier, Rotwein und Likör
„Es ist ein Brauch von Alters her / wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ wusste Wilhelm Busch, und auch: „Rotwein ist für alte Knaben / eine von den besten Gaben.“ Aber auch über Bier schrieb Busch: „"Das Wasser gibt dem Hornvieh Kraft, / den Menschen stärkt der Gerstensaft." oder „Die erste Pflicht der Musensöhne / ist, dass man sich ans Bier gewöhne.“
Dabei wusste Busch natürlich auch von der verhängnisvollen Wirkung des Alkohols – beispielhaft dargestellt am Schicksal des Raben Hans Huckebein. Das beginnt noch recht harmlos: „Es duftet süß. - Hans Huckebein / taucht seinen Schnabel froh hinein / und lässt mit stillvergnügtem Sinnen / den ersten Schluck hinunterrinnen.“ Bald zeigt sich die Wirkung: „Ei, ei! Ihm wird so wunderlich, / so leicht und doch absunderlich.“ Und zum Schluss wird ihm das Strickgarn zum Verhängnis, das er in betrunkenem Übermut auseinander gezerrt hatte: „Der Tisch ist glatt - der Böse taumelt - / das Ende naht - sieh da! Er baumelt.“
Ein Menü „Wilhelm Busch“ könnte sich so zusammensetzen: Den Beginn macht eine Vorspeise aus Hühnchenbruststreifen an Sauerkraut á la Witwe Bolte, gefolgt von Pfannkuchen und Salat. Das Hauptgericht bildet selbstverständlich ein Braten. Und nach dem Dessert, einem Schokoladenpudding, wird ein Likör serviert. Und dann bitte Vorsicht in der Küche, vor allem, wenn junge Männer unter den Gästen sind. Denn, wie heißt es doch in der „Frommen Helene“: „Jeder Jüngling hat wohl mal / ’n Hang fürs Küchenpersonal“.
Manfred Kellner
(2/2012)
(Erstveröffentlichung im SeminarisExpress))
Alles was Brecht isst - und trinkt
Der Stückeschreiber Bert Brecht, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, hat - obwohl durch und durch Materialist - Speisen und Getränke in seinem Werk nur ganz am Rande erwähnt. Eine Litera-Tour durch seine Dramen, Novellen und Gedichte fällt daher gar nicht so leicht.
In einem frühen Brecht-Stück, der "Kleinbürgerhochzeit", spielt sich zwar das ganze Drama mehr oder weniger um die Hochzeitstafel herum ab, doch die Informationen darüber, was denn da aufgetischt ist, sind spärlich. Die genaue Speisenfolge? Die Beilagen? Die Rezepte gar? Fehlanzeige! Immerhin wird ein "Kabeljau" erwähnt, "Pudding mit Sahne" gibt es als Nachspeise, dazu kommen Creme, Gebäck, Wein und Glühwein. Das junge Ehepaar hat sich für seine Verhältnisse offenbar nicht lumpen lassen. Und trotzdem endet das Fest in einem Fiasko von Zank und Zoten, von Tränen und zertrümmerten Möbeln ...
In einer seiner Geschichten, "Das Experiment", läßt Brecht uns Zeuge davon werden, wie das Tiefkühlverfahren erfunden wird: Erfrorene Spatzen bringen den englischen Philosophen und Naturforscher Fracis Bacon darauf. Der schon recht alte Bacon läßt ein Huhn - das praktischerweise gerade von seinem Pferdeschlitten überfahren wurde - ausnehmen, mit Schnee füllen und anschließend kühl lagern. In ein paar Tagen will er probieren, ob das Fleisch noch genießbar ist. Ironie des Dichters: Der Forscher erlebt den Erfolg dieses Verfahrens nicht mehr, er hat sich bei dem Aufenthalt im Freien so sehr erkältet, daß er stirbt. Vielmehr ist es sein Helfer, ein Junge, der dieses Experiment zu Ende bringt - obwohl ihm seine Großmutter abrät, weil das Huhn "inwendig verdorben" sei.
Unter den lyrischen Arbeiten Brechts findet sich ein hübsches Saufgedicht: "Über den Schnapsgenuß". Der Dichter ahmt hier die unbeholfene, von Wiederholungen und gedanklichen Sprüngen geprägte Sprache Betrunkener nach. Linsel Klopps, Hauptfigur dieses kleinen Meisterwerkes, ging "grad wie'n Meier" - doch "nun ist ihm auch viel freier / seit er schwankt. / (Seit er schwankt.)". "Sieben Lieder, sieben Liter", läßt der Autor den Betrunkenen nuscheln, "das gibt Mut. / (Das gibt Mut.)" Die besungene Sauferei fand offenbar im Freien statt, denn am Anfang heißt es: "In dem grünen Kuddelmuddel / Sitzt ein Aas mit einer Buddel / Grünem Schnaps / (Grünem Schnaps). / Sitzt ein Aas mit einer Buddel und Herzklaps. / (Und Herzklaps)." Ein Herzschaden - so muß man vermuten - aufgrund übermäßigen Alkoholgenusses.
Allerdings: Ein Menü à la Brecht ließe sich in den Seminaris-Hotels sicherlich kreieren. Als Begrüßungsdrink könnte es einen grünen Kiwi-Daiquiri "Linsel Klopps" gebem, als Vorspeise einen Geflügelsalat "Bacon". Das Hauptgericht wird gebildet von Kabeljau-Filet nach Art der "Kleinbürgerhochzeit". Und als Dessert kommt ein Vanille-Pudding mit einem Sahnehäubchen auf den Tisch. Wohl bekomm's!
Manfred Kellner
(Erstveröffentlichung im SeminarisExpress)
(01/12)
James Bond: Liebesgrüße aus der Küche
Während der neue Bond-Film „Casino Royal“ gerade in den Kinos Furore macht, zeigt ein Blick in die 007-Romane von Ian Fleming, dass der britische Top-Agent mit der Lizenz zum Töten nicht nur auf „Martini dry“ steht, sondern darüber hinaus einige spezielle Vorlieben in Sachen Essen und Trinken aufweist. Grund genug also für eine Litera-Tour mit James Bond – nach dem Motto: Liebesgrüße aus der Küche – oder Man kocht nur zweimal.
„Geschüttelt, nicht gerührt!“ ist ohne Zweifel die bekannteste Rezeptanweisung Bonds - sowohl in den Büchern als auch in den Filmen. Dabei geht es um das Mixen eines trockenen Martinis. In Ian Flemings ersten James-Bond-Roman „Casino Royal“ ordert Agent 007 den klassischen Cocktail „Martini dry“ mit diesen Worten: "In einem tiefen Champagnerglas müssen drei Teile Gordons, ein Teil Wodka und ein halber Teil Kina Lillet gegeben werden.“ Und dann „schütteln Sie das Ganze, bis es eiskalt ist und garnieren Sie es mit einer großen, dünnen Scheibe Zitronenschale!“
Als dieser Roman geschrieben wurde, rührte man den Martini-Cocktail üblicherweise in einem Glas zusammen – allerdings nur aus Gin und Wermut. Da bei Bond Wodka hinzukommt, ist eine niedrigere Temperatur notwendig, damit das Getränk schmeckt – und die erreicht man durch das Schütteln besser als durch Rühren.
Im Buch „Casino Royal“ betont Bond, dass er ziemlich eigen ist in Bezug auf seine Essgewohnheiten – eine Folge seines Junggesellendaseins, aber auch seines Berufs, der ihn ständig auf Details achten lässt. So ist es kein Wunder, dass der Agent in „Im Angesicht des Todes“ auf einen gedungenen Mörder dadurch aufmerksam wird, dass der ungebildete Bösewicht Rotwein zu seinem Fisch bestellt.
In „Casino Royal“ werden eine Reihe weiterer Ess- und Trinkgewohnheiten des Agenten verraten: So hasst Bond Tee („eine Tasse voll Schlamm“), weil er ihn an den Fall des Britischen Empires erinnert, so wünscht er in London zu seinem Frühstück stets ein Ei, das genau 3 ½ Minuten gekocht hat, so liebt er gegrillte Seezunge, Oeufs cocotte und Roastbeef mit Kartoffelsalat.
Das beste Gericht seines Lebens bekam James Bond in „Goldfinger“, wo er Krebse in zerlassener Butter schmaust und dazu Champagner trinkt – Goldfingerfood sozusagen. Das Lieblingsgericht des Agenten aber ist – Rührei. In der Kurzgeschichte „007 in New York“ verrät Fleming das Rezept - „für vier Individualisten“. Da heißt es: „12 Eier aufschlagen und in eine Schüssel geben. Sorgfältig mit einer Gabel verschlagen und gut mit Salz und Pfeffer würzen. In einer kleinen Kupfer Butter schmelzen, die Eiermasse hinzugeben, bei sehr geringer Hitze braten und dabei ständig rühren. Wenn das Rührei noch ein wenig weicher ist, als man es zum Essen wünscht, nimmt man es für eine halbe Minute vom Feuer und gibt gehackten Schnittlauch oder feine Kräuter hinzu. Auf einen heißen, gebutterten Toast servieren – auf kupfernen Tellern, mit rosa Champagner und leiser Musik.“
Wer also beim Schauen einer Bond-Kassette oder beim Lesen eines 007-Buchs adäquat tafeln möchte, sollte mit einem Martini beginnen, als Vorspeise ein wenig Roastbeef mit Kartoffelsalat zu sich nehmen und dann als Höhepunkt Rührei auf Toast essen. Keine besonders raffinierte Küche, aber vielleicht macht der Champagner, den man dazu trinken sollte, ja alles wieder gut...
Manfred Kellner
(Erstveröffentlichung im SeminarisExpress))
(10/11)
Die 13½ Speisen des Käpt’n Blaubär
Über 13½ Leben von den 27, die einem Blaubären vergönnt sind, berichtet uns Käpt’n Blaubär in seinen Memoiren, die ein gewisser Walter Moers aufgeschrieben hat. Liest man diesen Roman unter kulinarischen Gesichtspunkten, so kommt man – bei ein wenig gutem Willen – auf 13½ Speisen, mit denen uns der Blaubär bekannt macht.
Klein sind die Mahlzeiten, die der junge Blaubär bei den Zwergpiraten erhält – denn Plankton, magere Fische und Algen sind die Nahrungsgrundlage seiner Gastgeber. Die haben immerhin „400 Zubereitungsarten“ dafür entwickelt – „von Alge natur bis zum hochkomplizierten Soufflé“. Blaubär gedeiht prächtig bei dieser Kost.
Nur wenig üppiger geht es in seinem zweiten Leben zu: Von Nüssen, Beeren, Bananen und Quellwasser ernährt er sich bei den Klaubautergeistern. Die selbst leben von der Angst und dem Schrecken, in die sie andere versetzen – das mag als halbe Speise gelten.
Blaubär setzt sich ab und zehrt auf seiner Flucht von seinen Kokosnussvorräten. Doch als er auf die Feinschmeckerinsel kommt, beginnt ein fettes Leben: Hier fehlt es ihm an nichts – wie im Schlaraffenland wachsen die köstlichsten Speisen um ihm herum. In der Mitte der Insel etwa liegt ein Teich mit siedendem Öl, in das die am Rand wachsenden Pflanzen ihre Kelche tauchen und sie dann als gebratene Kartoffeln von Blaubär essen lassen. Das Angebot ist so vielfältig, dass der Bär neben Frühstück, Mittag und Abendessen neue Mahlzeits-Termine und –Bezeichnungen erfinden muss. Doch wen wundert’s, dass dieses „Paradies auf Erden“ in Wirklichkeit eine böse Falle ist, der Blaubär nur mit Müh und Not entkommen kann?
Bei seinem Retter, dem Rettungssaurier Deus X. Machina, ernährt sich Blaubär von Obst, Gemüse und dem Ratschlag, „soweit wie möglich auf fleischliche Ernährung zu verzichten“.
Das aber geht schon auf seiner nächsten Station, auf Prof. Nachtigallers Nachtschule, nicht. Dort leben die Schüler von Ölsardinen – und da es nichts anderes gibt, entwickeln sie die Fähigkeit, die Sardinen auf die phantasievollsten Arten zuzubreiten.
Das nächste Leben: im Großen Wald. Dort bekommt Käpt’n Blaubär wieder große Probleme, doch an seiner Nahrung kann es nicht liegen. Sie besteht hier aus Beeren, Nüssen, Kastanien, einem Bündel Löwenzahn und Quellwasser. Der Traum von einem süßen Bärenmädchen aber wird ihm fast zum Verhängnis.
In der „Süßen Wüste“ steht neben dem Zuckersand hauptsächlich der Gimp auf dem Speiseplan – ein blauer Kaktuspilz, den die Gimpel essen und der, so berichtet uns Blaubär, geschmacklich zwischen Thunfisch und Schweinebraten angesiedelt ist.
Das ist die reinste Schwelgerei gegenüber dem Essen in der Tornadostadt mit ihren vergreisten Bewohnern: leicht-verdaulicher Haferschleim und Tee ist hier die beliebteste Nahrung.
In Atlantis erlebt Käpt’n Blaubeer wieder einmal einen kulinarischen Höhepunkt – und kreiert in der Hoawief-Pizzeria seine eigene Pizza – die „Doppelpizza Blaubär“, bei der zwei Pizzen hergestellt und miteinander belegt werden müssen.
Klar, das die nächste Lebensstation des Bären wieder magerer ausfällt: Einen „Kanten Brot und einen Napf Wasser“ erhält er auf dem Riesendampfer „Moloch“, auf den er verschleppt wurde.
Doch alles endet gut: Käpt’n Blaubär lebt im Großen Wald mit dem wunderschönen Bärenmädchen zusammen, von dem er schon früher geträumt hat – und sorgt dafür, dass, wie in seinem Traum, immer Knödel und Soße auf dem Herd köcheln.
Ein Kurzmenü à la Blaubär könnten so aussehen: Klabauter-Müsli aus Nüssen, Beeren, Bananen und Quellwasser, angemacht mit dem Zuckersand aus der Süßen Wüste; die Atlantis-Doppel-Pizza Blaubär; und zum Nachtisch ein wenig Obst nach der Art von Deus X. Machina.
Manfred Kellner
(Erstveröffentlichung im SeminarisExpress))
(10/11)
Ayla - Höhlenschmaus mit Steinzeitjägern
Wenn Ayla in den Büchern der amerikanischen Autorin Jean M. Auel durch das steinzeitliche Europa wandert, warten natürlich keine Hotels oder Gasthäuser auf sie, doch in den Höhlen und Lagern der Neandertaler und der sich damals ausbreitenden "modernen" Menschen gibt es genug Speis und Trank, um auch dort einmal auf Litera-Tour zu gehen.
Jäger und Sammler sorgen für Nahrung
„Flink wurden die Knospen und Blüten der Taglilien abgemacht, und zarte, frische Wurzeln mit wenigen Stößen des Grabstockes freigelegt“, beobachtet die junge Ayla die Frauen der Neandertaler, in deren Clan sie ein Erdbeben verschlagen hat. Weiter wurden die langen, dreilappigen Hopfenblätter gesammelt, Erlenrinde und junger Klee. Natürlich stand auch Fleisch auf dem Speiseplan: Kaninchen, Vögel, Wild und – nach aufregender Jagd – auch einmal ein riesiges Mammut. Das Fleisch wurde über dem offenen Feuer gebraten. „Mit rascher Hand häuteten sie das Wild“ heißt es in „Ayla und der Clan des Bären“, „und wie das Feuer kräftig brannte, brutzelte auch schon das Fleisch, das, auf angespitzte grüne Zweige gespießt, die quer über zwei Astgabeln lagen, unter der starken Hitze am schnellsten schmorte, so dass es sehr gut den Saft hielt.“ Und auch Suppe gab es bei den Neandertaler: „Feingearbeitete, festgeflochtene, wasserfeste Körbe mit ver-schiedenen Mustern dienten als Töpfe und Wasserbehälter.“ Erhitzt wurde das Wasser, indem immer wieder heiße Steine hingelegt wurden.
Zu Gast bei den Steinzeitmenschen
Nachdem Ayla die Neandertaler wieder verlassen hat, führt sie ihre Wanderung auch zu den „Anderen“, den Steinzeit-Menschen. Der erste Eindruck von einer ihrer Behausungen liest sich in „Mam-mutjäger“ so: „Der Raum, in dem sie sich befand, wies in der Mitte ein großes Herdfeuer auf. Aufgespießt auf einem langen Pfahl briet ein mächtiger Brocken Fleisch darüber. Die Enden der Stange ruhten in einer Kerbe, die in dem aufrecht stehenden, in die Erde betriebenen Beinknochen eines Mammutkalbes angebracht war. Ein Ast von einem großen Hirschgeweih war zu einer Kurbel umgestaltet worden, mit deren Hilfe ein Junge den Spießbraten drehte.“ Später wird dieser Braten „zusammen mit verschiedenen Wurzeln, Gemüsen und Früchten auf einem gewaltigen Beckenknochen hinaus getragen worden, damit man das Mahl in der spätnachmittäglichen Wärme im Ferien genießen könne“.
Süßigkeiten in der Vorzeit
Sogar so etwas wie Brot bereitete Ayla zu – aus den Pollen von Rohrkolben, deren zerstampfte Wurzeln sie etwa zum Andicken von Suppen verwendete. Dazu bereitet sie gern eine Art Tee aus Früchten oder Wurzeln zu – je nach Zutat mit beruhigender oder auch anregender Wirkung. Deutlich wird in „Ayla und das Tal der Großen Mutter“ auch, wie sehr auch schon unsere Vorfahren Süßes schätzten: Honig, Beeren und andere Früchte werden liebend gern als Zutaten verwendet, als eigenständige Mahlzeit gegessen oder auch als eine Art Dessert genascht. So bereitet Ayla ein Gelee aus Apfelstücken und Holunderbeeren zu, das ihrem Reisegeführten ausgesprochen gut schmeckt: „Das ist das Beste, was ich je gegessen haben!“ lobt er.
Für das Nachempfinden eines steinzeitlichen Höhlenschmauses wäre sicherlich ein Grillvergnügen am besten geeignet: Vorweg gibt es ein würziges Stück Brot und eine Wildsuppe. Als Hauptgang folgen Fleischstücke, die an langen Stöcken über dem Grill gegart werden, und Spießbraten vom Drehgrill – dazu beispielsweise Möhrengemüse. Und als Nachtisch wird ein Dessert á la Ayla gereicht: ein Apfel-Holunder-Gelee.
Manfred Kellner
(Erstveröffentlichung im SeminarisExpress))
(9/11)
Mit Schehersâd an goldenen Tellern und silbernen Bechern
Wundersame Geschichten finden sich in den „Erzählungen der Schehersâd aus den tausendundein Nächten“ – Grund genug, in dieser orientalischen Sammlung auf Litera-Tour zu gehen.
Essen und trinken ist für die Erzählerin Schehersâd offenbar etwas ganz Gewöhnliches, denn nur selten geht sie in ihren Geschichten näher auf Speisefolgen oder gar Zubereitungsarten ein. „Da machen sie ein Mahl aus allerlei Gerichten zurecht“ heißt es da beispielsweise etwas lakonisch, oder: „Es wurde das Mahl serviert, sie saßen und aßen.“ Immerhin: Wenn es um Wundersames geht, wird die Erzählerin genauer. So schildert sie in der „Geschichte des Fischers“ geradezu akribisch, wie ein paar Fische für die Pfanne zurecht gemacht und dann gebraten zu werden – doch als dann die Fische anfangen, zu sprechen, verfolgt sie die Mahlzeit nicht weiter.
Alâ ed-Din und die Silberschüssel
Fasziniert ist Schehersâd eher vom prunkvollen Geschirr. Das fängt schon in der Geschichte von Ala ed-Din und der Wunderlampe an: Sein vermeintlicher Onkel führt den Jungen durch die Stadt, „bis er ihn in den Laden eines Kochs nahm, der ihnen das Essen in silbernen Schüssel auftrug, woraus sie das Mahl einnahmen und aßen und tranken, bis sie genug hatten.“
Später lässt sich Alâ ed-Din von seinem Lampengeist eine Mahlzeit bringen – und wieder berichtet die Erzählerin von dem prächtigen Geschirr: „Da verschwand der Geist auf eine Augenblick und brachte ihm eine prächtige, wertvolle Platte aus reinstem Silber, auf der zwölf goldenen Teller mit allerlei köstlichen Gerichten standen nebst zwei silbernen Bechern, zwei schwarzen Flaschen voll von geklärtem alten Wein und Brot, wei-ßer als Schnee.“ Immerhin: „allerlei köstliche Gerichte“ waren auch dabei.
Kein Wunder, dass auch der neu er-richtete Palast Alâ ed-Dins beschrieben wird: „Alle Steine waren aus Jaspis und weißem und porphyrartigem Marmor und Mosaik“, die Schatzkammer „voll von allerlei Gold und Silber und kostbaren Juwelen“, das Tischzubehör wie Schüs-seln, Löffel, Becher und Becken aus Gold und Silber - und der Clou: alle Küchengeräte bestanden ebenfalls „aus Gold oder Silber“.
Hammelfleisch und alter Wein
Obwohl der Weingenuss auch in „Tausendundeiner Nacht“ umstritten ist, finden sich immer wieder Hinweise darauf. In einem kleinen Gedicht wirbt ein Gastgeber; „Geht zu keinem denn zu mir, / mein Haus ist die Grube der köstlichsten Dinge; / ich habe alten feuri-gen Wein, / gekeltert von einem der Klostermönche, / Hammelfleisch gibt es auch / und jede Art von Geflügel; / kommt zu Tisch und zecht, / trinkt den sorgenbrechenden alten Wein.“
Die Sklavin Tawaddud in der gleichnamigen Geschichte erteilt dagegen dem Weingenuss mit Hinweis auf den Koran eine herbe Abfuhr. Dafür lobt sie: „Die prächtigsten Speisen sind Brotsuppen, wie denn auch der Prophet sagt: ‚Brotsuppe übertrifft alle anderen Gerichte wie A’ische alle anderen Frauen.’“ Als vortrefflichstes Essen lobt die kluge Sklavin das Fleisch, und das beste Fleisch sei das Hammelfleisch.
Bienenhonig oder Zuckerhonig?
Manchmal wird bei Schehersâd auch ein Gericht auch Ausgangspunkt für eine turbulente Geschichte. So macht sich etwa der arme Schuhflicker Ma’rûf auf seine abenteuerliche Reise, weil ihn seine böse Frau verklagt, ihr nicht die richtige Art von Süßgebäck, Kanafe, gebracht zu haben. Sie wollte sie mit Bienenhonig, er aber hatte nur Geld für Zuckerhonig. Nach manchen Hin und Her gelangt Ma’rûf zu Vermögen und Macht – genießt aber trotzdem das einfache Linsengericht, das ihm ein armer Bauer vorsetzt.
Menüvorschlag
Gar nicht so einfach, hier eine Menü-folge à la Schehersâd zu erfinden: Den Beginn macht eine feine Brotsuppe, als Hauptgericht gibt es natürlich Hammel-fleisch nach Art der Tawaddud – am bes-ten mit Linsen Ma’rûf und weißem Alâ-ed-Din-Brot. Und als Dessert wird Kanafe serviert – selbstverständlich mit Bienenhonig.
Manfred Kellner
(Erstveröffentlichung im SeminarisExpress))
(8/11)